(Dieser Text ist durch ein Schreibexperiment in der Fastenzeit von Susanne Niemeyer entstanden.)
Ich trete ein in diesen kleinen, unscheinbaren und doch scheinbar verwunschenen Laden. Er ist mir vor einiger Zeit aufgefallen und heute finde ich endlich die Zeit und Muße, um ein wenig zu stöbern. „Sie wünschen?“, fragt mich eine kleine, verschmitzt lächelnde Frau hinter dem gemütlichen Tresen.
Ich wünsche mir…
Ich wünsche mir Freundschaft. Echte, herzliche, vertraute Freundschaft.
Ich wünsche mir einen Glauben, der zu meinem Leben passt.
Ich wünsche mir die Kraft und den Mut, wirklich etwas in der Welt zu bewegen.
Ich wünsche mir Selbstvertrauen. Lebensenergie.
Mit diesem Wunschzettel trete ich an sie heran und komme mir dabei doch ziemlich kindisch vor. Wir sind hier doch nicht bei „Wünsch dir was“. Doch zu meiner Überraschung verschwindet die Frau kurz hinter einem klimpernden Vorhang bunter Glasperlen. Als sie zurückkommt, streckt sie mir etwas entgegen. Ich nehme es an mich, betrachte es kurz und schaue sie etwas enttäuscht an. Was soll ich denn mit einer Packung „Saatgut bunte Blumenwiese“?! Doch fest erwidert sie meinen Blick. „Das ist genau das, was Sie brauchen.“ Als ich zahlen will, wehrt sie ab. „Bei uns ist alles kostenlos.“ Erstaunt ziehe ich ab. Manche Menschen werden wirklich wunderlich, wenn sie alt werden…
Gedankenverloren mache ich mich auf dem Heimweg. Als ich mich umdrehe, um die Straße zu überqueren, bemerke ich es. Da war wohl ein Loch in der Packung. Wie Hänsel und Gretel hatte ich hinter mir eine Spur aus Blumensamen hinterlassen. Das ist mir beim Gehen gar nicht aufgefallen! Egal, wo die Samen hingefallen waren, mit einem leisen Geräusch wie von tausend kleinen Glöckchen und Triangeln springen sie auf und verzieren den Gehweg, den Zebrastreifen, die Hauseingänge mit lebendigem Bunt. Ein blumiges Band zieht sich Straße entlang. Während ich mich noch wundere, fängt es auch in mir plötzlich an zu klirren und zu kitzeln, ganz tief drinnen, irgendwo zwischen Herz und Magen und Lunge. Aus mir heraus sprießen ebenfalls überall zarte, starke, große, filigrane, mehrblättrige, runde, kelchförmige Blumen. Die Leute, die an mir vorbeigehen, bleiben kurz stehen, lächeln und ich gebe ihnen eine Prise Samenkörner mit, bevor ich glücklich meinen Heimweg fortsetze (und dabei heimlich ein paar Körnchen in den Briefkästen und Vorgärten verteile).
Am nächsten Tag lese ich in der Zeitung einige Schlagworte:
Leute wurden vom Duft eines großen Blumenbandes in Gemeinschaft gelockt.
Blumiges Lachen vertreibt die Zukunftsangst.
Blühende Kreativität und bunter Gestaltergeist breitet sich aus.
Laute Brummhummeln und leise Schmetterlinge tanzen miteinander.
Autos bleiben am Straßenrand stehen, um die Schönheit nicht zu zerstören.
Es werden öfter Blumen verschenkt, einfach so, denn es gibt ja genug.
Die Leute verplempern ihre Zeit zum Staunen und Bewundern.
Jesus spricht: "Ich bin die Auferstehung und das Leben."