Gott will im Dunkel wohnen

Schnell und ratternd schlängelt sich der Zug durch die Nacht. Im Neonlicht sitzen die Menschen am Warmluftgebläse. Es herrscht eine wohlige Atmosphäre. Lachen erschallt. Die Leute haben dasselbe Ziel. Weihnachten steht vor der Tür. Doch ein Mädchen am Fenster findet die Atmosphäre gar nicht so wohlig. Sie fühlt sich ausgesprochen unwohl in diesem Zug. Als die Weihnachtsstimmung verteilt wurde, hat man sie irgendwie ausgelassen. Sie ist sich gar nicht mehr so sicher, ob sie im richtigen Zug sitzt. Langsam steht sie auf und bewegt sie sich ans Ende des Wagons. Bei diesen alten, eigentlich schon längst ausgemusterten Zügen kann man noch draußen zwischen den Wagons ein wenig frische Luft schnappen. Brausend schlägt ihr die kalte Luft um die Ohren. Sie zieht den Mantel enger um sich. Bevor sie einen klaren Gedanken fassen kann, geht ein Ruckeln durch den Zug. Hart schlägt sie auf den Steinen auf und sieht, während sie sich aufrappelt, den verschwommenen Lichtern des Zuges nach. Es hat sie aus der Bahn geworfen. Sie fröstelt. Es war doch ganz wohlig warm im Zug. Die Nacht schleicht um sie her. Rund herum ist nichts. Nichts als Dunkelheit. Orientierungslos blickt sie sich um und langsam klammernd kriecht die Angst an ihr hoch, unter den Mantel und lässt sie noch mehr frieren.
Plötzlich erklingt in ihr eine sanfte Stimme. Sie braucht kurz, um sie zu verstehen. Aber als sie sie erkennt, breitet sich trotz der Kälte um sie Wärme in ihr aus. Ihr Herz summt leise die zärtliche Melodie der Stimme mit, die singt:

"Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern.
So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern!
Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.

Gott will im Dunkel wohnen - und hat es doch erhellt!"

(Liedstrophe von Jochen Klepper)

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