Aus der Geschichte lernen
Ehrlich gesagt war Geschichte noch nie mein Lieblingsfach, aber es gibt doch einige Stellen, wo ich sagen muss: Davon können wir profitieren – auch in der Kirche. Denn:
Die Blüte
Aus Fehlern kann man lernen. Toller Slogan aus der Schulzeit, der aber im Leben selbst dann nicht immer seine Früchte trägt. Die Kirche hat – wie uns ja auch zurecht oft vorgehalten wird – schon sehr, sehr viele Fehler gemacht. Das ist doch für uns ein guter Ausgangspunkt, um es heute besser zu machen, oder? Und es ist ein Grund, sich mit, aber auch ohne Vorliebe für Geschichte, mit der Geschichte der Kirche zu befassen. Gerade als Landeskirche haben wir nämlich eine lange Tradition.
Ich hab viele große Geschwister. Manche Dinge konnte ich umschiffen, weil ich sie gut beobachtet habe. Wir als Christen haben auch viele „große Geschwister“. Warum beobachten wir diese nicht mal im Sinne von „Was können wir von ihnen lernen? Was sollten wir besser lassen?“ Diese Fragen ernst zu nehmen, halte ich für sehr wichtig.
Auch wenn wir vielleicht in einer anderen Zeit leben, lassen sich einige Fragestellungen abstrahieren und die grundsätzliche Problematik trifft auch auf uns heute zu.
Zu den Punkten, die wir lernen können, gehört – positiv wie negativ – die Streitkultur. Aus Streitigkeiten und Diskussionen sind tolle Texte entstanden, Bekenntnisse wie das Apostolische Glaubensbekenntnis, von denen wir auch heute noch profitieren und in die wir uns ab und zu vertiefen sollten. Aber an großen Streitigkeiten über kleine Dinge sind wir als Kirche auch gebrochen. Muss uns das wirklich wieder passieren? In der Württembergischen Landeskirche habe ich da manchmal ein bisschen Angst davor, dass kleine Dinge – die im Alltag die wenigsten unserer Glieder wirklich beschäftigen – uns als Kirche vor eine schwere Zerreißprobe stellen.
Ein anderer Punkt ist die Mission. Auch hier gibt es Beispiele, die perfekt darstellen, wie man es NICHT machen sollte. Aber gerade zur Zeit der ersten Gemeinden und in verschiedenen Erweckungsbewegungen über Jahrhunderte hinweg haben wir großartige Zeichen und Bilder, die wir auch (natürlich an unsere Zeit angepasst) übernehmen können!
Die Dornen
Wer jetzt sagt: „Aber Geschichte ist soooo laaangweilig!“, den kann ich wirklich gut verstehen. Gleichzeitig habe ich ab und zu meine „Aha-Momente“, in denen ich begreife, dass sich etwas wiederholt, oder dass da etwas sehr Wichtiges passiert ist, wo ich nochmal genauer draufschauen sollte. Die Beschäftigung mit der Kirchengeschichte ist vielleicht etwas zäh. Bisher hab ich noch nicht viel Literatur gefunden, wo es auch für Nicht-Theologen, Nicht-Historiker oder Nicht-Nerds gut und verständlich erklärt wäre. Habt ihr da Tipps?
Ein großes Problem sehe ich auch in uns Menschen an sich. Wer kennt das nicht: Man will es selbst ausprobieren. Man ist ja nicht so blöde wie andere. Heute ist ja eine ganz andere Zeit. – Diese und andere Denkweisen können uns ganz schön im Weg sein. Ein Thema, das mich diesbezüglich gerade sehr stark umtreibt, ist das Thema „Demut“. Demütig sollten wir hinnehmen, dass wir uns irren können, dass unsere Stärken vielleicht nicht nur positive Seiten haben, und dass es Grundthemen gibt, die die Menschheit immer wieder eingeholt haben, auch trotz anderer Umstände.
„Lasst uns aber im Gutestun nicht müde werden!“
Galater 6,9
Mein Traum
Ich träume davon, dass wir den Menschen, die für Geschichte ein außergewöhnliches Interesse haben, zuhören. Dass wir Demut lernen und nachfragen, wie es „damals“ so war. Dass wir uns große Persönlichkeiten anschauen und von ihnen lernen. (Ich zum Beispiel habe jetzt für mich persönlich beschlossen, weniger Kitsch-Romane und mehr Biographien zu lesen. 😀 ) Ich wünsche mir, dass wir mehr im Gespräch sind, uns gegenseitig darauf aufmerksam machen, wenn was schief läuft und das Ermahnen in Liebe üben. Nicht Rumkritteln und Kritisieren an allem! Sondern behutsam und ohne Überheblichkeit einander auf das hinweisen, was gerade droht schiefzulaufen. Mit offenen Augen und offenem Herzen. Kein Ich-hab-es-dir-doch-gleich-gesagt, kein Hintenrum und Hinterher, sondern begleitend, dem anderen wünschend, dass es gut geht, miteinander an der Situation leidend.
Ich glaube, es tut uns generell gut, uns bewusst zu machen, dass wir in der Geschichte stehen. Dass auch wir nicht zeitlos sind. Ich wünsche mir für unsere Kirche, dass wir unseren Horizont im Wissen um unsere Geschichtlichkeit zu dem hin wenden und weiten, der geschichtslos ist, der zeitlos ist und der über all dem steht.
„Seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens: ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.“
Epheser 4,3-6