Über die Liturgie
Letzte Woche ging es um den Raum für Fragen und Zweifel, um die Suche nach Gott und den schmalen Grat zwischen zu viel und zu wenig. Heute geht es um etwas, das uns diesen Halt, einen Rahmen, geben kann, wo wir gleichzeitig auch angeleitet werden müssen im Umgang damit. – Es geht um die Liturgie.
Die Blüte
Liturgische Formen im Gottesdienst können Halt geben – unter der Voraussetzung, dass man sie kennt und versteht. Die Gebete, Rufe und Gesänge bieten sprachlosen Menschen Worte an, die gefüllt werden wollen. Wo dies nicht geschieht, bleiben sie leer und unpersönlich. Doch wenn man selbst keine Worte mehr findet im Gebet – vielleicht gerade weil man auch mal zweifelt, weil man in der letzte Woche beschriebenen Suche auch zeitweise nicht weiß, was man eigentlich gerade glaubt – darf man sich aufgefangen und gehalten wissen von den Gebeten, die Glaubensgeschwister schon Jahrhunderte vor uns gebetet haben, die immer und immer wieder anleiten zum eigenen Gebet. Die Liturgie gibt Struktur und Sicherheit (wiederum unter der Voraussetzung, dass man sich darin zu bewegen weiß).
Die Dornen
Vieles habe ich ja nun schon oben erwähnt. Leider wissen viele nicht mehr, was die teilweise doch sehr alten Worte bedeuten. Wenn jemand neu in den Gottesdienst kommt, kann es passieren, dass er/sie sich unzugehörig fühlt, weil alle anderen anscheinend den Ablauf kennen, nur man selbst nicht.
Auf der anderen Seite besteht auch die Gefahr, dass die Worte allzu gewohnt werden und wie im Trott runtergerasselt werden. Man kennt die Worte so gut, dass die Gedanken abschweifen und die Bedeutung verlieren. Wie kann es dann hier gelingen, wieder mit aller Aufmerksamkeit und Konzentration dabei zu bleiben und die Worte auch so zu meinen, wie man sie sagt?
Manche Gemeinden haben auf ihre Liturgie einen Deckel gelegt, um sie ja zu bewahren, und auf dem sich jetzt Staub sammelt, den es gilt, wegzupusten. Die Worte sind so heilig, dass sie bloß auf keinen Fall verändert werden dürfen! Auch hier bringt der Satz „Das war schon immer so.“ seine Schwierigkeiten mit sich…
Mein Traum
Mir hat die mir zuvor so unnahbare Liturgie schon oft durch Durstzeiten geholfen. Deshalb wünsche ich mir, dass auch andere Menschen sie wiederentdecken und die Schönheit, die darin liegt, kennenlernen. Ich glaube, dass auch auf den liturgischen Worten Gottes Segen liegt. Das Wissen darum kann uns die Angst nehmen, den Deckel zu heben, auch wenn sich manche Formen möglicherweise ein bisschen verändern, einen neuen Anstrich bekommen sozusagen. Ich träume davon, dass sich Menschen finden, treffen und sich neu darüber unterhalten, was die Worte (für sie) bedeuten, und vielleicht sogar im Gottesdienst vorstellen, was sie damit verbinden. Möglicherweise können schöne Plakate gestaltet werden, die im Gottesdienstraum aufgehängt werden und zur Diskussion anregen?
Ich träume davon, dass Menschen aufgeweckt werden aus ihrem Trott, wenn man es wagt, ab und zu eine Formulierung anders zu wählen oder zu erklären. Mir ging es zum Beispiel so, als ein Pfarrer in einem Gottesdienst das Votum erweiterte (was ja inzwischen viele machen) – so hatte ich mal wieder die Chance, mich in dem „Ritual“, das am Eingang des Gottesdienstes so schnell an einem vorübergeht, zu vertiefen, mir bewusst zu machen, wer dieser Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist, eigentlich ist und warum wir den Gottesdienst ausgerechnet im Namen der Dreieinigkeit feiern. Seitdem nehme ich diese Eingangswort auch in der gewohnten Form ganz anders wahr. Lasst es uns wagen, die Gemeinde mehr miteinzubeziehen, zu Wort kommen zu lassen. Lassen wir uns mehr Zeit während dieser Worte, damit jede Person im Raum auch die Möglichkeit hat, sich im Stillen auch persönlich mit einzubringen. Liturgie lebt, wenn wir sie leben lassen. Wir füllen sie und sie erfüllt uns.
„Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist – wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen!“