Die Suche

Von Fragen und Zweifeln

Heute ist Karfreitag. Darum soll es in diesem Beitrag auch um ein wichtiges Thema gehen, das heute besonders bewusst ist. Es geht um Fragen, um Zweifel.
Das hier ist der erste inhaltliche Teil einer sechswöchigen Blogreihe. Die Einführung dazu findest du unter „Prepare!“

Die Blüte

Ein ganz wichtiger Punkt, warum ich mich entschieden habe, in der Landeskirche zu bleiben und mich zu investieren, ist, dass ich bisher sonst nirgends einen Ort gefunden habe, wo ich so direkt und ehrlich meine Fragen und Zweifel ansprechen kann. Ich war in vielen freien Gemeinden und evangelistischen Gruppen, wo ich schnell unangenehme Blicke gespürt habe, wenn ich meine Gedanken offen geäußert hab.

Wir dürfen fragen, wir dürfen suchen. Ja, ich bin sogar der Überzeugung, dass wir suchen MÜSSEN. Woher weiß ich, dass mein Glaube standhält, wenn ich ihn nicht hinterfragt habe? Wie kann ich andere von meinem Glauben überzeugen, wenn ich nur nachplappere, was ich von anderen gehört habe? Für mich gilt deshalb:

„Suchet mich, so werdet ihr leben!“

(Amos 5,4)

Ich verstehe mich selbst als Suchende, gebe mich selten mit dem zufrieden, was ich schon weiß. Nur so kann ich wachsen. Nur so kann ich Gott mehr kennenlernen. Und ich will Gott selbst kennenlernen und nicht nur vom Hörensagen anderer! Denn Gott ist das Leben, das ich durch diese Suche finde, das Leben, nach dem ich mich sehne. Es geht mir um ein Leben als mündiger Christ. Mündigkeit ist Selbstständigkeit, aber wie kann ich mündig sein, wenn ich mich selbst damit zufriedengebe, was ist, und nicht ständig suche, was Gott noch für uns bereithält? Ich habe erfahren, dass ich so nicht mündig sein kann. Aber ich will mündige Jüngerin Jesu sein. Ich will mündig sein, meinen Teil zur Gesellschaft beizutragen. Und ich wünsche mir, dass andere selbstständig, unabhängig, mündig werden.

Die Dornen

Ein großes Problem in meinen Augen ist, dass man trotz der Notwendigkeit eigenständiger Suche auch jemanden benötigt, der einem Halt und Orientierung bietet – Kein Navi, das bereits alle Antworten kennt, aber einen Weggefährten, der mit uns Spuren liest. Und das geschieht in unserer Kirche zu wenig. Das ist auch nicht nur Aufgabe der Pfarrer, sondern aller mündiger Christen, die für sich diesen Weg gehen. Eine Aufgabe für geübte Wanderer, andere mitzunehmen auf diesen Weg. Wenn das nicht geschieht, kann man auf beiden Seiten vom Pferd fallen – entweder einer beginnt gar nicht erst zu suchen, bleibt bei dem, was er kennt und weiß. Das ist nicht nur traurig, sondern auch gefährlich für uns als Kirche, da wir blind und starr werden, statt eine bewegliche Gemeinschaft zu sein, in der wir uns auf Augenhöhe begegnen. Denn Selbstständigkeit ist Macht. Darum sollten wir darum bemüht sein, möglichst alle mitzunehmen und zu motivieren. Oder – die andere Seite des Pferdes – jemand fängt an zu suchen, doch orientierungslos. Er ruft, aber es hört keiner zu. Das führt dann schnell zur Frustration oder gar zur Belanglosigkeit. Wir sind nicht umsonst in eine Gemeinschaft hineingestellt!

Es bedarf hier eine große Portion Weisheit, auf den ersten Blick häretisch anmutende Fragen stehen zu lassen, aber gleichzeitig zu erkennen, wenn jemand sich zu sehr in seinen Fragen verstrickt.

So ist weder zu viel noch zu wenig Raum zum Fragen und Zweifeln gut für unsere Gemeinschaft. Auch das Meistern dieses Problems ist eine Suche und ein Ringen, vor das unsere Gemeinden gestellt sind – aber Gott sei Dank nicht allein! Wir sind – jeder von uns – aufgerufen, auf Jesus selbst zu hören – „Meine Schafe hören meine Stimme und ich kenne sie und sie folgen mir.“ – und nicht auf das vermeintliche Alphaschaf. Jesus ist Profi im Mündigsein gegenüber anderen in voller Abhängigkeit vom Vater.

Mein Traum

Mein Traum ist, dass wir in den Gemeinden ganz bewusst Raum schaffen zum Fragen, zum Suchen. Da sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Ich denke aber, dass beides wichtig ist – die persönliche Suche und der Austausch als Gemeinschaft, als Gemeinde, – um selbst weiter zu kommen, aber auch den Halt der Gemeinschaft zu erfahren.

Eindrücklich war für mich hier in meinem – durch Corona doch sehr kurzen – Gemeindepraktikum der Bonhoeffer-Leseabend. Ich war selbst total überrascht über die Dynamik, die das Ganze annahm. Die Gemeindeglieder waren super gut vorbereitet. Teilweise gingen sie dann auch einfach nicht auf die Versuche des Pfarrers ein, im Text weiterzugehen, wenn gerade ein wichtiges Problem auf dem Tisch lag. Es herrschte eine großartige vertrauensvolle Atmosphäre im Raum – viele platzten direkt heraus mit den Dingen, die sie nicht verstanden, mit Fragen und persönlichen Anliegen. Anfänglich leitete der Pfarrer den Abend ein, doch sehr schnell wurden alle Fragen, alle Zweifel, alle Probleme von dem ganzen Kreis getragen.

Mein Traum ist, dass wir uns gegenseitig auf dem Weg, bei der Suche unterstützen. Dass wir uns Freiheit lassen und dennoch Orientierung geben. Auf der Suche nach Christus. Auf dem Weg zur mündigen Nachfolge Jesu.

„Lasst uns gehen, den HERRN anzuflehen und zu suchen den HERRN Zebaoth; wir wollen mit euch gehen.“

Sacharja 8,21

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